Die Herren vom Steinhof

Pfleger in der Psychiatrie

Sibylle Fritsch und Gerhard Mayer

Die Pfleqerschaft bestimmt den Steinhofer Alltag. Ärzte beugen sich ihrem Diktat. Selbst Stadtrat Stacher fühlt sich „machtlos“. Auch der einzelne Pfleger steht hilflos und verängstigt vor dieser Übermacht.

Die letzte Weihnachtsfeier endete mit einem Mißton: Ein achtjähriger Bub war kurzerhand über den Gang gelaufen – wie achtjährige Buben eben zu laufen pflegen.
Doch Peter Wiemann (Name von der Redaktion geändert) ist Patient des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien „Am Steinhof“ und bedarf der Pflege: „Die Kinder sind“, kritisiert die oberste Pflegerin der Anstalt, Hermine Biebel, „schlecht eingestellt.“ Wiemann gehöre, präzisiert sie am Abend, „höher dosiert“.
Biebel setzt sich durch. Monate hindurch beobachten die Stationsgehilfen, daß die Kinder, die sonst „eher überdraht“ waren, wie mechanische Puppen agieren. Sie bestürmen die Oberärztin: Es liege offensichtlich eine Übermedikation vor.
Die Ärztin findet den Verdacht bestätigt. Sie holt sich Unterstützung beim Primär. Die Schwestern, für die Medikamentenausgabe verantwortlich, holen sich Unterstützung bei ihrem Personalvertreter.
Es kommt zu einer wilden Auseinandersetzung, an die sich sogar Gesundheitsstadtrat Alois Stacher heute noch erinnert. Am Ende ist der Sieg eindeutig: „Wenn es noch einmal vorkommt, daß Sie die Schwestern beschuldigen“, ließ Betriebsratsobmann Josef Altmann die Ärztin wissen, „dann stehn Sie eines Tages ganz ohne Personal da.“

Selbst die einflußreichsten Ärzte kämpfen dagegen vergebens. Die Hausmacht am Steinhof gehört der Pflegerschaft. 766 Schwestern und Pfleger im weißen Kittel und mit rasselndem Schlüsselbund bestimmen das Wohl und Wehe des Gemeinde-Wien-Ghettos am Westrand der Stadt.
„Ich kann mir da heroben vornehmen, was ich will“, weiß auch der zuständige Stadtrat für das Wiener Gesundheitswesen Alois Stacher, „wenn die nicht mitspielen, bin ich machtlos!“

Als etwa ein Pflegerschüler im Zuge einer Auseinandersetzung mit seinem Oberpfleger gekündigt wurde, intervenierte er im Stadtratsbüro. Erfolglos. Ein Gerücht, das seither am Steinhof kursiert, verdeutlicht das Selbstverständnis pflegerischer Macht: Stacher 
könne dem gefeuerten Schüler leider nicht helfen, erzählen sich Pfleger und Schwestern stolz, er wolle sich’s „nicht mit dem Personal verscherzen!“
Im Gegensatz zu anderen Spitälern resultiert die Eigeneinschätzung des Steinhofer Pflegers aus seiner Vergangenheit. Um die „Irren“ möglichst weit vom Leibe zu halten, wurde der „Steinhof“ schon bei der Planung als Selbstversorgerstadt konzipiert. Neben Tischler, Gärtner, Schuster und Fleischer wohnte auch der Arzt und der Pfleger in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Kranken. Manche Pflegedynastien haben bis heute überlebt. Heinrich Alt, groß geworden im Schatten der Otto-Wagner-Bauten, arbeitet heute im Pavillon 18, keine 100 Meter weiter ist seine Ehefrau beschäftigt. Auf eine noch längere Tradition kann nur Andreas Reisenauer zurückblicken. Sogar seine Großeltern waren Pfleger auf der Baumgartner Höhe. Und Steinhof-Direktor Eberhard Gabriel selbst muß sich in seiner Anstalt wie zu Hause fühlen: Als Sohn eines Steinhof-Primars hat er die Entwicklung vom Narrenthurm zur heutigen Verwahranstalt miterlebt.
Nicht zuletzt diese Bindung an Traditionen prägt das Bild der heutigen Psychiatrie: „Wir sind es“, betont der Pflegervorsteher Alfred Wawrausek stolz die eigene Aufgabenstellung, „die eine Großstadt vor ihren Geisteskranken bewahren!“
Ebenso traditionell pflanzt sich dieses Verständnis von Psychiatrie hierarchisch von oben nach unten zu den Pflegern fort, die diese 
Auffassung am Krankenbett exekutieren.
Denn der Pfleger ist Beamter, der zwar ohne die geringste Einschulung am Krankenbett steht, aber mit einem 226 Seiten starken Buch in der Hand: „Das Dienstrecht“. In einer „rigiden hierarchischen Struktur“ (so Anstaltsleiter Gabriel) hat er jede Beschwerde, ja selbst jede Eigeninitiative über den Dienstweg zu erledigen.

Neben der üblichen „Dienstbeschreibung“ ist dem Steinhof-Pfleger eine Anstaltsspezialität ständig präsent: Auf einer grünen Karte bei den Männern, auf einer rosa bei den Frauen werden laufend Fehler und Verfehlungen eingetragen.
Bei Dienstantritt in einem neuen Pavillon erlebte Pflegerschüler Wolfgang Dokulil eine Überraschung: Der Oberpfleger rief das gesamte Personal zusammen, zog aus der Tasche die grüne Karte und gab triumphierend sein Sündenregister zum besten: Daß Dokulil sich bei Dienstantritt „nicht ordnungsgemäß vorgestellt“ hatte, daß er einmal den Namen eines Vorgesetzten vergaß, daß er „wegen schlecht gemachter Betten ermahnt“ worden war, hörte da seine neue Kollegenschaft.
Fünf Tage später stand der Schüler vor dem Anstaltsdirektor. „Wenn Ihnen an der Institution etwas nicht paßt, wenn Sie was zu kritisieren haben, dann müßte man doch annehmen, daß Sie gehen.“ Da er es nicht tue, erklärte ihm der Chef, „müssen wir das für Sie erledigen!“
Ein Ferialpraktikant, der mit einem 16jährigen Patienten farbpädagogische Spiele versuchte, fand diese Aktion in der grünen Karte wieder: „Beschmiert Patienten mit Farbe.“ Selbst der Kaffeeklatsch muß gelegentlich herhalten: die Erzieherin Ruth Haberl1) hatte etwa erwähnt, daß sie in einer Wohngemeinschaft lebt. Als sie später – längst nicht mehr am Steinhof angestellt – um einen Posten bei der Gemeinde Wien ansuchte, wurde sie mit Hinweis auf ihre politische Gesinnung abgewiesen: „Sie leben doch in so einer Kommune!“
Entsprechend ängstlich reagiert das Personal. Was dem Neuling in den ersten Diensttagen noch als übertriebene Vorsicht erscheint, entwickelt er selbst nach einigen Wochen Anstaltserleben zu paranoider Angst: „Ich fühle mich ständig durchs Schlüsselloch beobachtet, erzählt Hans Reitter1) vom Pavillon 13. 
„Es kommt ja tatsächlich manchmal vor!“ Und einer seiner Kollegen kontrolliert unzählige Male zwanghaft, ob alle Fenster gut verschlossen sind, „weil ich Angst habe, man könnte mich legen!“

Mit ebensolcher Beamtengründlichkeit werden Eigeninitiative und Engagement binnen kürzester Zeit gebrochen. Anfänglich von der strengen Tagesordnung, von vergitterten Pavillons und angepaßten, apathischen Patienten und deren „ständiger Erniedrigung durch das Personal“ betroffen, war Gabv Hift nach knapp zwei Monaten über ihre „eigene Versteinerung“ entsetzt: „Die Maschen der täglichen Routine waren so eng“, daß ihr kaum für ein Gespräch Zeit blieb. Daß sie „bald ebenso distanziert und abgestumpft wurde wie alle anderen“. Nur die Anpassung verschaffte ihr die Anerkennung der etablierten Schwestern – „sie ermöglichte es mir, unerträgliche Gedanken abzustellen“ – eine „Erleichterung“.
Erleichterung ist am Steinhof eine Überlebensfrage: Rund 40 Patienten hat ein Pfleger zu betreuen, bei den therapeutischen Berufen ist das Verhältnis geradezu katastrophal: Für die 2.600 Patienten stehen ganze sechs Sozialarbeiter zur Verfügung – sie haben alle Hände voll zu tun, um bestenfalls die Steinhofer Patientenelite zu beraten. Und werden selbst dabei regelmäßig von der Beamtenmaschinerie überrollt.
Nach einem Selbstmordversuch wird die 20jährige Bertha Huchat (Name von der Redaktion geändert) von den Eltern auf der Baumgartner Höhe abgeliefert.
Vier Wochen lang setzte sich der Sozialarbeiter Hans Mark (Name von der Redaktion geändert) mit Eltern und Tochter auseinander – zahllose Gespräche, zaghafte Fortschritte.
Eines Tages war die Patientin entlassen. Ohne Wissen des Sozialarbeiters, ohne ihn zu fragen, ohne seinen Rat einzuholen.
„Damit“, so Mark, „war die ganze Arbeit für die Katz’. Ihr nächster Selbstmordversuch ist sicher.“
Wenn Bertha Huchat den nächsten Suizidversuch überlebt und wieder am Steinhof landet, erhöht sie die Drehtürstatistik gleichermaßen wie die Frustration der dort Beschäftigten. Mit jeder Erfahrung über ihre ineffektive Arbeit steigt die Bereitschaft der Pfleger, zum funktionierenden Rädchen in der Irrenanstalt zu werden.

Innerhalb einer Psychiatrie, die sich ausschließlich der Organmedizin, mit der Entmündigung der Justiz und bei der Zwangseinweisung meist des Polizeiarztes bedient, versteht sich auch der Pfleger als Exekutive. Paragraphen, Vorschriften und Erlässe bestimmen sein Handeln und liefern ihm zugleich den Patienten aus. Jedes persönliche Eigentum muß – so die Anstaltsordnung – bei der Einlieferung dem Patienten abgenommen werden. Persönliche Kleidung ist verboten. Durch die absurdesten Alltagsbestimmungen entsteht im Pflegepersonal das Bild des wertlosen Patienten.
Im Sommer kursierte als Sparmaßnahme ein „Klopapiererlaß“ mit folgendem Hinweis: „Zwei Blätter pro einmal … für den Patienten, vier für den Pfleger!“
Noch gründlicher wollte ein Magistratsbeamter der MA 17 das Problem lösen. Den Pflegern des Pavillons 18 machte er im Zusammenhang mit Wäschesparmaßnahmen den Vorschlag, den Kranken, die sich häufig beschmutzen, doch ein harntreibendes Mittel zu verabreichen, „damit s’ alle gleichzeitig urinieren“.
Täglich mit derartigen Bewertungen des „Patientenguts“ konfrontiert, muß der Pfleger binnen kurzer Zeit zum „Antipfleger“ werden – selbst wenn er seinen Dienst ursprünglich mit Engagement angetreten hat. Für den Großteil der Anfänger hat es solches Engagement freilich nie gegeben. Sie melden sich beim Pflegevorstand zur Beamtensicherheit und um im Sechserradl für Nebenjobs Zeit zu haben. Jedem Tagdienst folgt ein Tag, jedem Nachtdienst zwei Tage Freizeit, um auf Privatrechnung Häuser zu bauen oder Mercedes zu verkaufen.
Innerhalb von zwei Jahren muß der Stationsgehilfe einen einjährigen Grundpflegekurs absolvieren. Wenn er seine Arbeitsmotivation vor der Auswahlkommission entsprechend gut verkauft, bezahlt ihm die Gemeinde sogar eine dreijährige Ausbildung zum diplomierten Krankenpfleger: Theorie und Praxis direkt am Steinhof.
Die Anstaltskrankenpflegeschule ist für ihr hohes Ausbildungsniveau in ganz Österreich bekannt – und leidet unter ihrem Ruf.
Das oberste Gebot in den Klassen heißt Anpassung. Erwachsene Frauen und Männer sitzen streng getrennt in den Reihen. Das Schulklima diktiert ein nichtdiplomierter Lehrvorsteher. Josef „Peppi“ Grünberger – er hat die Anstalt als Bierkutscher kennengelernt und seine Steinhof-Karriere als Wäschepfleger fortgesetzt. „Wer ihm gegenüber seine Meinung äußert“, plaudert Martin Erhardt aus der Schule, „wird niedergebrüllt, mit Kündigung bedroht oder aber hinausgeekelt.“

Grünberger durchsetzt die hygienisch-somatisch ausgerichtete Ausbildung gerne mit „Ethik der Krankenpflege“. Die Qualität der Arbeit im Krankensaal hänge ausschließlich vom „persönlichen Einsatz des einzelnen ab“. 
Die Praxis sieht allerdings anders aus. Als etwa Schülerinnen zwei Schwestern beobachteten, wie sie gemeinsam eine Patientin verprügelten, erzählten sie es empört dem Schulvorsteher.
Sie müßten, ermunterte Grünberger die Schülerinnen, selbstredend einen Bericht darüber schreiben.
Die Affäre wirbelte gründlich Staub auf. Aber „keineswegs wegen der Prügelei“, erzählt resigniert Gerda Peters, „sondern weil ein Bericht verfaßt wurde!“
Daß die ethischen Grundsätze des Schulvorstehers im Krankensaal nicht gefragt sind, erlebte ein Stationsgehilfe. Als eine Patientin unruhig und aufgeregt wurde, sperrte er sie ins Gitterbett. Um sie wieder zu beruhigen, setzte er sich ans Bett und redete auf sie ein.
Noch am gleichen Nachmittag wurde er zum Arzt gerufen: „Wissen Sie überhaupt, worauf Sie sich da einlassen, wenn Sie sich mit einer Patientin befassen?“
Obwohl 83 Prozent der Steinhof-Insassen gar nicht geisteskrank sind, mißtraut der Pflegervorsteher grundsätzlich therapeutischem Kontakt zu Patienten: „Es kann ja leicht sein“, fürchtet Alfred Wawrausek, „daß sich aus dem Engagement negative Konsequenzen ergeben.“ Sich ans Krankenbett zu setzen ist jedenfalls Faulheit – schließlich kann man ja „neben der manuellen Arbeit den Saal verbal in Schwung halten“.
Der Großteil der Steinhofer Lehrlinge zieht aus dieser Diskrepanz zwischen psychiatrischer Pflegevorstellung und Anstaltspraxis die Konsequenzen. Noch während der Ausbildungszeit wandern 64 Prozent der Schüler ab, selbst nach Ablegung der Diplomprüfung folgt ihnen mehr als die Hälfte der Kollegen.
In anderen Pflegeschulen ausgebildetes Personal wurde bislang noch nie angeworben, weder in Fachzeitschriften noch in Medien. Zunehmend kommen Pfleger, die gestern noch Kellner oder Taxichauffeure waren, ans Krankenbett. Knappe 45 Prozent des Personals am Steinhof sind als „psychiatrische Krankenpfleger“ diplomiert.

Daß die medizinische Ausbildung am Steinhof sogar „ausgezeichnet“ ist, glaubt ein Pfleger des Pavillons 18, der in Salzburg seine Lehre absolviert hat, beurteilen zu können. Garantie für eine humane Betreuung der Patienten ist sie keine: „Was man in dem Beruf weit mehr als Wissen braucht, das ist Berufung.“
Was darunter gelegentlich am Steinhof verstanden wird, zeigt der Ärger einer diplomierten Altschwester über moderne Behandlungsmethoden: „Früher wor des alles no anders, in der guadn alten Psychiatrie. Do hat ma mit de Patienten echt noch g’raft!“