Internationale Reformen und Umbrüche

In der Nachkriegszeit kam es international zu tiefgreifenden Umbrüchen in der psychosozialen Versorgung. Die Erfahrungen von Krieg, Verfolgung und Trauma machten deutlich, wie stark psychische Gesundheit mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Die katastrophalen Zustände in vielen psychiatrischen Anstalten – oft geprägt von Verwahrung, Überbelegung und menschenunwürdiger Behandlung – gerieten zunehmend in die Kritik. Gleichzeitig wuchs in vielen Ländern das Bewusstsein für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem Aufkommen sozialer Bewegungen – etwa der 68er-Bewegung – entstand eine Reformdynamik, die neue Wege forderte: Ambulante Betreuung, gemeindenahe Versorgung und die Verkleinerung großer Anstalten auch in der Psychiatrie wurden zu zentralen Zielen. Internationale Vorreiter wie Franco Basaglia in Italien, die Entwicklung sozialpsychiatrischer Konzepte in Großbritannien, die „Community Mental Health“-Bewegung in den USA, die sektorisierte Versorgung in Frankreich, die Enquete in Deutschland und schließlich der „Wiener Weg“ der Psychiatriereform trugen dazu bei, psychiatrische Versorgung zunehmend als Teil eines demokratischen, inklusiven Gesundheitssystems zu verstehen.

Das blaue Pferd von Triest

Symbol einer neuen Psychiatrie

Ohr

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Erinnerungen/Erzählungen zu den Geschehnissen der Psychiatrie-Reform in Italien von Dr. Georg Psota.

Eine Menschenmenge hört einer Rednerin zu die auf einer Bühne steht. Hinter ihr ist eine Statue in der Form eines blauen Pferdes.
Das Pferd „Marco Cavallo“ und Ärzt*innen sowie Pflegepersonal vor der Parade im Februar 1973 in Triest. © Claudio Erné

1973 schufen Patient*innen, Pfleger*innen und Künstler*innen der Psychiatrie San Giovanni in Triest gemeinsam die Skulptur Marco Cavallo. Das über drei Meter hohe, himmelblaue Pferd aus Holz und Pappmaché wurde zum Sinnbild einer neuen, offenen Psychiatrie. Initiiert wurde dieser Aufbruch von Franco Basaglia, dem damaligen Klinikdirektor und Begründer der modernen Gemeindepsychiatrie in Italien. Er öffnete die bis dahin geschlossenen Tore der Anstalt und leitete einen grundlegenden Wandel ein: weg von Isolation – hin zu Teilhabe und Würde.

Marco Cavallo erinnert an das Arbeitspferd Marco, das früher Wäsche und Abfälle transportierte und als Einziges regelmäßig das Anstaltsgelände verlassen durfte. Am 25. März 1973 rollte Marco Cavallo – begleitet von hunderten Patient*innen – erstmals hinaus in die Stadt. Wie ein „umgekehrtes trojanisches Pferd“ führte Marco Cavallo die Menschen aus den Mauern der Anstalt heraus. Das Pferd stand für die Rückkehr ins normale Leben – ein Appell für eine offene, menschenwürdige Psychiatrie.

Entwicklung der psychosozialen Versorgung in Wien

menschlich – 
gemeindenah – 
multidisziplinär

Der „Wiener Weg“ einer Psychiatriereform bedeutet einen tiefgreifenden Wandel in der psychiatrischen Versorgung: weg von der Großanstalt – hin zu einer gemeindenahen, menschlicheren Betreuung. Ab Mitte der 1970er-Jahre entstanden in Wien klinische und wissenschaftlich fundierte Konzepte für ein sektorielles Versorgungssystem mit ambulanten Angeboten, das auf Teilhabe, Würde und Nähe setzt. Die Gründung der Psychosozialen Dienste in Wien markierte den Abschluss der politischen und den Beginn einer praktischen Reform der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung in Wien. Der PSD-Wien gilt heute als Modell für eine moderne, soziale und vernetzte Psychiatrie.

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In den Medien

Archivmaterial des ORF gibt Einblicke in die Anfänge des PSD-Wien in den 1980er-Jahren.

Wien Heute: Fünf Jahre Psychosozialer Dienst Wien (1985)

Dauer: 2:29 min

Der Beitrag der Sendung Wien Heute zeigt, wie sich der Psychosoziale Dienst Wien seit seiner Gründung entwickelt hat. Reformen im Gesundheitswesen ermöglichten neue Wege in der Behandlung und Beratung. 

Menschen mit psychischen Belastungen erhalten nun leichter Zugang zu Unterstützung, und das Angebot an Einrichtungen sowie Therapien wurde deutlich erweitert.

WIR: Neue Wege in Betreuung und Arbeit für psychisch Erkrankte (1987)

Dauer: 3:07 min

Die Sendung WIR stellt 1987 ein wachsendes Netzwerk an Anlaufstellen vor, das individuell auf soziale und psychische Probleme reagiert. Im Mittelpunkt steht die Möglichkeit, aus verschiedenen Therapieformen eine passende Unterstützung zu wählen. 

Der Beitrag thematisiert den Abbau von Vorurteilen, Prävention und berufliche Wiedereingliederung: Geschützte Werkstätten bieten Qualifizierung, Rehabilitation und eine Perspektive auf Rückkehr ins reguläre Arbeitsleben.

WIR: Alltagsnahe Unterstützung und neue Chancen (1988)

Dauer: 5:28 min

Ein Jahr später rückt WIR die Betreuung im gewohnten Lebensumfeld der Betroffenen in den Fokus. Der Beitrag erzählt von unbürokratischer, vertraulicher und kostenfreier Hilfe, die Krankenhausaufenthalte vermeiden und den Genesungsweg individuell gestalten möchte. 

Gezeigt werden Arbeitsrehabilitation, Übergangswohnheime und unterschiedliche Unterstützungsangebote, die Menschen dabei begleiten, ihren Alltag wieder selbstständig zu bewältigen.

Vom Pionierangebot zum Versorgungsnetz

Wachstum psychosozialer
Versorgung in Wien

Karte von Wien mit Markierungen Karte von Wien mit Markierungen Karte von Wien mit Markierungen
1980
2000
2025

1980 eröffnete in Floridsdorf das erste Ambulatorium der Psychosozialen Dienste in Wien – ein Meilenstein, der nicht ohne Widerstände verlief. Die Idee, psychiatrische Hilfe aus der Anstalt in die Bezirke zu bringen, stieß anfangs auf Skepsis. Doch das Konzept setzte sich durch. Heute gibt es acht Sozialpsychiatrische Ambulatorien in ganz Wien, eine flächendeckende Versorgung mit Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulatorien und überregionale spezialisierte Einrichtungen.

  • IconSozialpsychiatrisches Ambulatorium
  • IconSozialpsychiatrischer Notdienst
  • IconInstitut für Psychotherapie mit Tageszentrum für Borderlinestörung
  • IconPsychosoziale Information
  • IconSozialpsychiatrische Beratungsstelle
  • IconGerontopsychiatrisches Zentrum
  • IconInstitut für Psychiatrische Frührehabilitation
  • IconKinder- und Jugendpsychiatrische Ambulatorien
  • IconSozialpsychiatrie für Menschen mit Behinderungen und Autismuszentrum
  • IconMobiler Psychiatrischer Krisendienst
  • IconFirst Level Support

Best Point of Care

Der Best Point of Care ist ein zentrales Prinzip moderner Gesundheitsversorgung und bedeutet, dass Patient*innen genau dort die bestmögliche Hilfe erhalten, wo sie diese am dringendsten benötigen – also wohnortnah, niederschwellig und bedarfsorientiert. In der psychosozialen Versorgung zielt das Konzept darauf ab, Menschen mit psychischen Erkrankungen frühzeitig, passgenau und in vertrauter Umgebung zu behandeln. So wird die Behandlung nachhaltig ermöglicht und Klinikaufenthalte können reduziert oder sogar vermieden werden.

Zu Hause

Illustration

Die psychosoziale Behandlung erfolgt direkt im häuslichen Umfeld durch ein multiprofessionelles Team aus Fachärzt*innen, klinischen Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen, Pflegekräften und weiteren Expert*innen. Diese aufsuchenden Angebote ergänzen die bestehende Versorgung, entlasten stationäre Einrichtungen und tragen wesentlich dazu bei, Stabilität und Lebensqualität im gewohnten Lebensumfeld zu fördern. Besonders geeignet sind sie für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen oder in Krisensituationen, die kontinuierliche Betreuung benötigen.

Ambulant

Illustration

Die ambulante psychosoziale Versorgung erfolgt in den Ambulatorien und Tageszentren. Hier arbeiten Ärzt*innen, Psycholog*innen, unterschiedliche Therapeut*innen, Sozialarbeiter*innen und Pflegekräfte eng zusammen. Ziel ist es, eine umfassende Behandlung und Begleitung zu ermöglichen, ohne dass eine stationäre Aufnahme erforderlich ist. So können Betroffene ihren Alltag weitgehend selbstbestimmt gestalten und erhalten zugleich regelmäßige Unterstützung, Krisenintervention und umfassende Behandlung.

Stationär

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In den stationären Abteilungen steht rund um die Uhr medizinisches Fachpersonal zur Verfügung. Hier können Menschen intensiv betreut und stabilisiert werden. Auch können hier die somatischen Begleiterscheinungen und körperlichen Folgen schwerer psychischer Erkrankungen behandelt werden. Durch die enge Kooperation mit dem PSD-Wien ist ein nahtloser Übergang zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Behandlung gewährleistet – mit dem Ziel, Rückfälle zu vermeiden und die nachhaltige Stabilisierung im Alltag zu fördern.

„Reden ist die beste Form, um das Stigma hintanzuhalten.“

Dr. Georg Psota, Chefarzt 2010–2025

Sozialpsychiatrie Heute und in Zukunft

Der Psychiatrische und Psychosomatische Versorgungsplan

Der Psychiatrische und Psychosomatische Versorgungsplan (PPV), 2016 einstimmig im Wiener Landtag beschlossen und seit 2020 schrittweise umgesetzt, bringt die psychiatrische Versorgung in ausreichender Zahl dorthin, wo sie gebraucht wird. Die Versorgung findet am Best Point of Care statt. Niederschwellige Angebote, Vernetzung von Behandler*innen und Begleitung der Patient*innen sind die Grundpfeiler des Angebots. Neue, innovative Angebote werden auf- und umgesetzt.

Die psychiatrische Versorgung als Gesamtheit zu sehen und Herausforderungen früh zu erkennen, sind zentrale Elemente, um die psychosoziale Versorgung für ganz Wien und rund zwei Millionen Wiener*innen sicherzustellen.

In das strategische Konzept des PPVs wurden neben der Allgemeinpsychiatrie auch Angebote für spezielle Zielgruppen miteinbezogen. Außerdem ist ein deutlicher Ausbau der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgungsstrukturen festgehalten.

„Wir sind für alle da – und je früher jemand zu uns kommt, desto besser können wir helfen. Unser Ziel ist es, dass Hausärzt*innen, Fachärzt*innen, Pfleger*innen, das Schulpersonal, Sozialarbeiter*innen, Eltern und Freund*innen den PSD-Wien kennen, um rechzeitig Informationen und Unterstützung einzuholen. Niemand soll sich davor fürchten, Hilfe zu holen oder sich mit einer Frage an uns zu wenden.“

Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Katrin Skala,
Chefärztin seit 2025

Projekte und Angebote

Die psychische Gesundheit hat in der Vergangenheit oft nicht jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient. Daher freut es mich besonders, dass wir nun einen innovativen Plan für die Versorgung der Zukunft entwickelt haben, der auf dem neuesten Stand der Wissenschaft basiert und über alle Parteigrenzen hinweg Unterstützung findet.“

Sandra Frauenberger, Stadträtin 2007–2018