Heilen statt nur unterbringen

Behandlung psychisch Kranker in offenen Abteilungen

Heidy Kessler

Italien: Nach 18 Jahren „Anlaufzeit“ werden Psychiatrie-Anstalten geschlossen

Der Traum des italienischen Psychiaters Franco Basaglia wurde Wirklichkeit: Vor 18 Jahren war die „Offene Psychiatrie“ gesetzlich festgeschrieben worden, jetzt hat Gesundheitsministerin Rosi Bindi die endgültige Schließung aller psychiatrischen Anstalten durchgesetzt.

Von den noch existierenden 76 Psychiatrie-Anstalten mit etwa 17.000 Patienten wurden gestern, Donnerstag, die ersten 21 geschlossen, 2500 Langzeitpatienten in die neuen, deutlich kleineren Gesundheits- und Rehabilitationszentren verlegt. Den Regionen wurde vom Staat auferlegt, derartige Einrichtungen für höchstens sieben bis acht Personen zu schaffen. Nur die schwersten Fälle werden in die Psychiatrischen Abteilungen der öffentlichen Krankenhäuser verlegt.

„Ab jetzt dürfen wir nicht mehr darüber nachdenken, wo wir die Menschen unterbringen, sondern wie wir sie heilen lassen“, sagte Ernesto Muggia, der Vorsitzende der psychiatrischen Vereinigung Italiens. In den neuen „geschützten Pensionen“ soll künftig eine interdisziplinäre Ärztegruppe versuchen, die Kranken langsam in ein normales Leben zurückzuführen.

Kritik von links
Eine Gruppe von politisch linksorientierten Psychiatern übt allerdings Kritik: Geistig Behinderte würden auf die Straße gesetzt, die Familien würden mit ihren kranken Angehörigen alleingelassen. Die Menschen würden aus den Anstalten, in denen sie jahrzehntelang gelebt haben, deportiert und wahllos irgendwelchen Kleinwohnungen zugeteilt. Die von den Regionen übernommenen Verpflichtungen – Aufsichts- und Pflegepflicht durch Einstellung von Sozialarbeitern, volle ärztliche Versorgung – könnten nur meist nicht eingehalten werden.

Die Regierung will die Einhaltung der neuen Verordnung durch die Androhung von Strafmaßnahmen durchsetzen: Regionen, die zu Jahresende mit der Errichtung der neuen Rehabilitationszentren säumig waren, müssen finanzielle Einbußen aus der staatlichen Gesundheitsförderung hinnehmen. So soll sichergestellt werden, daß bis Jahresende 1997 auch wirklich alle 76 Anstalten aufgelöst sind.

Geldmangel
Das sogenannte Basaglia-Gesetz aus dem Jahr 1978, das die Schließung der Psychiatrischen Anstalten vorsah, war bislang nur zögerlich umgesetzt worden. Die meisten Regionen hatten die (mit einem königlichen Gesetz aus dem Jahre 1904 errichteten) geschlossenen Anstalten einfach zu „ehemaligen psychiatrischen Krankenhäusern“ erklärt und so wie bisher weitergeführt. Eine wirkliche Offene Psychiatrie war vor allem am Geldmangel gescheitert und nur in wenigen Städten durchgesetzt worden.