Wiener Zeitung
9. Jänner 1985
Jeder 100. Wiener vom Psychosozialen Dienst betreut
Stacher: In fünf Jahren hat sich unsere Reform bewährt
Wiener Zeitung
9. Jänner 1985
Stadtrat Univ.-Prof. Dr. Alois Stacher würdigte am Dienstag im Pressegespräch des Bürgermeisters die fünfjährige Tätigkeit des Psychosozialen Dienstes. Am 2. April 1979 wurde dem Gemeinderat ein „Zielplan für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung Wiens“ vorgelegt und einstimmig beschlossen.
Die „Wiener Psychiatriereform“ besteht aus zwei Schwerpunkten: den grundlegenden Neuerungen in den beiden psychiatrischen Krankenhäusern auf der Baumgartner Höhe und in Ybbs und der Schaffung ambulanter, bedarfsgerechter Behandlungs- und Betreuungsalternativen außerhalb der Krankenhäuser. Zu diesem Zweck wurde Ende 1979 das Kuratorium für Psychosoziale Dienste geschaffen. Dabei handelt es sich um einen gemeinnützigen Fonds, in dessen Rahmen der Psychosoziale Dienst Anfang 1980 seine Tätigkeit aufnahm. Seit seinem Bestehen haben 15.000 Menschen, also jeder 100. Wiener, diese Einrichtung in Anspruch genommen. Grundsatz der Psychiatriereform ist es, die Aufnahmen in das psychiatrische Krankenhaus zu vermindern. Daher stellt der Psychosoziale Dienst ausreichend alternative Betreuungszentren und therapeutische Wohngemeinschaften zur Verfügung.
Pro Jahr gibt es rund 60.000 Behandlungs- und Betreuungskontakte. Über 10 Prozent davon sind „mobil“, das heißt, daß sie auf Wunsch des Patienten außerhalb der Behandlungszentren, zumeist in der eigenen Wohnung erfolgen. In den Zentren sind neben Ärzten und Krankenpflegepersonal auch Psychologen, Sozialarbeiter und Beschäftigungs- und Bewegungstherapeuten tätig.
Im 9. Bezirk, Fuchsthallergasse 18 (Tel. 31 84 19 und 31 84 20), wurde ein „Sozialpsychiatrischer Notdienst“ rund um die Uhr eingerichtet. Der auch an Wochenenden und Feiertagen anwesende Diensthabende erteilt telefonisch Rat und Hilfe, kann aber auch persönlich aufgesucht werden. Im vergangenen Jahr gab es über 12.000 Einsätze.
Durch die Reformmaßnahmen, erklärte Stadtrat Stacher, konnten in den letzten fünf Jahren die Zahl der stationären Patienten in den beiden psychiatrischen Krankenhäusern in Wien um 1500 reduziert werden. U.G.
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