Offene Psychiatrie – so sieht der Wiener Weg aus

Vor fünf Jahren wurde die große Reform gestartet

WIEN (AZ). Fünf Jahre ist die Wiener Psychiatriereform alt – Wien gilt heute als weltweit einzige Stadt, in der es gelungen ist, einer modernen, offenen Psychiatrie in allen Stadtteilen zum Durchbruch zu verhelfen. Ein vergleichbares „flächendeckendes System“ gibt es nirgendwo sonst, 
vermerkt der jüngste Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Für Stadtrat Stacher 
Gelegenheit, eine Erfolgsbilanz zu ziehen.

Einem Bericht nach, den Stacher dieser Tage vorlegte, konnte die Zahl der Patienten in den beiden psychiatrischen Krankenhäusern – Baumgartner Höhe und Ybbs – deutlich reduziert werden: Auf der Baumgartner Höhe von 2500 auf 1600 (für mehr Patienten war dieses Krankenhaus auch nicht gedacht) und in Ybbs von 1150 auf 600.

Die Psychiatrie in Ybbs ist langsam „gesundgeschrumpft“: Während früher besonders jene Patienten, bei denen wenig Hoffnung auf Rehabilitation bestand, von der Baumgartner Höhe nach Ybbs verlegt worden waren, finden seit 1980 keine solchen Transferierungen mehr statt. Bei gleichbleibendem Personalstand ist nun die notwendige intensive Betreuung der Schwererkrankten gesichert.

Für jene Patienten, deren Rehabilitation fortgeschritten ist, wurde ein Übergangswohnheim im Krankenhausareal eingerichtet, in dem sie wieder „leben lernen“ und so auf die Rückkehr nach Wien vorbereitet werden.

Voraussetzung für diese Reformmaßnahmen war die Schaffung entsprechender Behandlungs- und Betreuungseinrichtungen außerhalb des Krankenhauses, betont Stacher. Vom Kuratorium Psychosoziale Dienste, dessen Einrichtung gleichsam die Initialzündung zur Psychiatriereform war, wurden in den letzten drei Jahren acht sozial-psychiatrische Stationen, über 300 Plätze in Übergangsheimen und geschützten Wohngemeinschaften und Spezialeinrichtungen für Suchtkranke und Selbstmordgefährdete geschaffen.

Bisher haben bereits 15.000 Menschen diese Einrichtungen in Anspruch genommen. Das bedeutet, daß jeder 100. Wiener beim Psychosozialen Dienst Rat und Hilfe gesucht hat. Chefarzt Dr. Stefan Rudas: „Wir glauben, daß uns jeder 50. Wiener braucht. Das wäre internationaler großstädtischer Durchschnitt.“ Ein bemerkenswert hoher Anteil der vom Psychosozialen Dienst (PSD) Betreuten hat Alkoholprobleme. Nicht umsonst stufen Stacher und Rudas den Alkohol als Problem Nummer Eins ein.

Für Gesundheitsstadtrat Stacher ist der PSD die „sozialpsychiatrische Feuerwehr“. In dringenden Fällen werden auch Hausbesuche gemacht. Wesentlichen Anteil an den raschen Einsatzmöglichkeiten hatte auch der sozialpsychiatrische Notdienst, der unter der Adresse 9. Fuchsthallergasse 18 und unter den Telephonnummern 31 84 19 und 31 84 20 täglich rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Stacher: „Ohne dieses Kuratorium hätten wir diese Reform nie zustande gebracht. Keine öffentliche Verwaltung der Welt kann derart koordiniert werden.“ Die Schwierigkeiten, die es in anderen Ländern gibt, überraschen Stacher keineswegs: „Die hätten wir auch, hätten wir mit diesem Kuratorium nicht einen speziellen Wiener Weg beschritten.“