Der Standard
22. Februar 1995
Psychosozialer Dienst Wiens als Vorbild
Ulrike Botzenhart
Der Standard
22. Februar 1995
Wien – „Psychisch kranke Menschen dürfen nicht nur als Patienten gesehen werden. Sie haben eine soziale Identität und sind Teil unserer Gesellschaft, aus der man sie nicht aussperren sollte.“ Diese Meinung vertrat der Italiener Benedetto Saraceno, Präsident des Weltverbandes für Psychosoziale Rehabilitation (WAPR), der kürzlich in Wien eine Tagung zu diesem Thema abgehalten hat.
„Das wahre Problem ist nicht die Zahl der psychisch Kranken, sondern die Arten der Benachteiligung, die aus diesen Krankheiten resultieren“,
folgerte Saraceno: „Unsere Patienten dürfen nicht von den Bürgerrechten ausgesperrt werden. Auch ihnen steht das Wahlrecht oder das Recht auf Arbeit und eigenen Wohnraum zu.“ Mit der entsprechenden Hilfestellung, Behandlung und Rehabilitation könne man ihre Benachteiligung im sozialen Leben verringern.
Die Einrichtungen des Wiener Psychosozialen Dienstes (PSD) unter der Leitung von Stephan Rudas hätten dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Saraceno gab daher bekannt, daß die WAPR Wien als Forschungs- und Ausbildungszentrum für den Weltverband auserkoren hat. „Die von Rudas entwickelte Psychiatrie ist für Europa zukunftsweisend“, lobte Saraceno.