Kurier
5. Dezember 1980
Keine Scheu vor Kranken
Man gewöhnt sich bereits an die psychosoziale Station
Eva Ehrenberger
Kurier
5. Dezember 1980
Kaum zwei Monate ist die Wohngemeinschaft psychisch Kranker in der Schöpfleuthengasse in Betrieb, und schon merkt man, daß die Umwelt ihr anfängliches Mißtrauen ablegt. Die Patienten erhalten sogar schon Einladungen, aber auch sinnvolle Geschenke, wie etwa einen Webstuhl, konnten sie bereits entgegennehmen.
Was hier in Wien wie ein Experiment aussieht, ist anderswo schon zur Regel geworden: Kranke, deren Aufenthalt in einer psychiatrischen Heilanstalt durchaus nicht mehr erforderlich ist, werden in das Leben außerhalb der Anstaltsmauern integriert, indem man sie in kleinen Gruppen in privaten Wohnungen leben läßt.
Natürlich nicht ohne ständige Betreuung, die hier in Floridsdorf medizinisch von Chefarzt Doktor Stephan Rudas geleitet wird.
„Es ist ja so, daß von 100 Patienten in der Klinik rund 96 innerhalb eines Jahres wieder entlassen werden“, erklärt Rudas. „Trotzdem ist die Scheu vor einer psychiatrischen Anstalt groß. Entsprechende alternative Einrichtungen in den Bezirken haben aber bisher gefehlt.“
Die Floridsdorfer psychosoziale Station ist die erste von acht, die in Wien geschaffen werden sollen. Hier können rund 20 Patienten nach ihrem Spitalsaufenthalt einige Zeit wohnen, um sich an ein selbständiges Leben zu gewöhnen.
Wer dann bereits ins Leben entlassen wurde, im Glücksfall wieder von der Familie aufgenommen worden ist, findet hier jederzeit in der Psychiatrischen Ambulanz Rat, Hilfe und Behandlung. Ein telefonischer Bereitschaftsdienst steht ihnen und ihren Angehörigen rund um die Uhr zur Verfügung.
Die dritte Funktion der Station in der Schöpfleuthengasse wird durch eine Tagesklinik mit 25 Plätzen erfüllt. Psychisch gestörte Patienten, die nicht mehr im Krankenhaus sein müssen, werden tagsüber betreut, beschäftigt und behandelt. Am Abend kehren sie wieder in ihre Wohnung zurück.
Wie Dr. Rudas erklärt, haben derartige freie Stationen einen günstigen Einfluß auf die geschlossenen Anstalten, die an Bedrohlichkeit für den Patienten verlieren, wenn er weiß, daß er bald wieder freikommen kann.