Wiener Zeitung
16. Oktober 1980
Psychiatrie wird reformiert
Psychosoziale Station in Floridsdorf eröffnet
Wiener Zeitung
16. Oktober 1980
Als erfolgreiches Basismodell für die weitere Vorgangsweise in der Psychiatriereform in Wien mit einer Neuorganisation des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe und dem damit verbundenen Ausbau entsprechender Nachsorgeeinrichtungen wird von den Verantwortlichen die erste „Psychosoziale Station“ in Floridsdorf angesehen, in der nach einem fünfmonatigen Probebetrieb mit Anfang Oktober nunmehr die normale Tätigkeit angelaufen ist.
Es handelt sich um die erste derartige Einrichtung in Österreich und in Mitteleuropa – eine Einrichtung der neuen und alternativen Psychiatrie ohne Zwangseinweisung, wie Gesundheits- und Sozialstadtrat Prof. Dr. Stacher Mittwoch in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Chefarzt des Kuratoriums für psychosoziale Dienste, Dr. Stefan Rudas, und dem Leiter der Station, Dr. Manfred Haushof, mitteilte.
Um eine möglichst enge Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und den Nachsorgeeinrichtungen zu gewährleisten, werden die einzelnen Abteilungen des Wiener Psychiatrischen Krankenhauses jeweils einer von insgesamt acht „psychosozialen Versorgungsregionen“ zugeordnet. In der jeweiligen Region werden je eine Station und mehrere Übergangsheime für die Nachbetreuung bereitstehen. In der ersten, eben in Floridsdorf (Schöpfleuthnergasse) eingerichteten Station ist seit Mai ein rund 25köpfiges Team bestehend aus Ärzten, Psychologen. Sozialarbeitern und Krankenschwestern tätig, um mittels einer umfangreichen Therapiepalette einerseits Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und anderseits spitalsentlassenen psychiatrischen Patienten eine entsprechende Nachbehandlung zu geben.
Die Station, die das Einzugsgebiet des 20. und 21. Wiener Gemeindebezirks umfaßt, ist mit einer Ambulanz, in der bisher 237 Patienten versorgt wurden, einer Tagesklinik, in der seit Mai 33 Patienten betreut wurden, und mehreren Spezialberatungsstellen ausgestattet. Großer Wert wird auf Beschäftigungstherapie und Bewegungstherapie gelegt. Für die Angehörigen von Patienten gibt es eigene Beratungsstunden und Gruppensitzungen.
Gleichzeitig mit der Station wurde in Floridsdorf auch ein Übergangsheim, das vierte derartige in Wien, in Betrieb genommen. Es ist für etwa 16 bis 20 Patienten – für Verhaltensgestörte, Drogenentwöhnte und allgemein psychisch Kranke – gedacht, die einerseits eines Krankenhausaufenthaltes nicht mehr bedürfen, anderseits aber für eine rein ambulante Behandlung hoch nicht geeignet sind.
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