Extrablatt
3. März 1978
Die Räudigen Brüder
Suchtkranke in Steinhof: Patienten oder Delinquenten?
Extrablatt
3. März 1978
Es gibt solche und solche Krankheiten. Anständige und unanständige. Die anständigen tragen dir Mitgefühl und Achtung ein. Für unanständige mußt du dich ins Winkerl stellen. Einem tischtennisspielenden Querschnittgelähmten murmelt die Volksseele tränenerstickte Bewunderung. Der ausgeflippte Junkie hingegen erregt den gerechten Bürgerzorn. Der Platz, den ihm die Gesellschaft zuweist, liegt irgendwo in der Nähe von Kinderschändern und Häuslanzündern.
„Eh klar!“ Allen voran weiß Österreichs Journaillisten-Chefideologe um den gewaltigen Unterschied. „Sind ja selber schuld, die Brüder! Wird ja keiner zum Saufen oder Fixen gezwungen. Einspirrn! Arbeitshaus!“
Ruhig, Richard, ruhig – und wisch dir den Geifer ab! Wir haben’s ja eh schon aufgegeben, wir Süchtigen, das Rechtfertigen, das Entschuldigen: Kriegsgreuel, Wohlstandshölle, Milieuschädigung, der idiotisch grinsende Wahnsinn vor unseren Türen, die zähnefletschende Bestialität ein paar tausend Kilometer weiter weg …, wer kauft uns denn das noch ab? Andere haben dies auch alles mitgemacht. Aber saufen sie deswegen? Oder gifteln sie gar? Nein: Wir sind schon ein Auswurf der Gesellschaft, ein übler. Keine Frage. Außer vielleicht: Kann einer gesund sein, wenn er so einen Auswurf hat?
Die Öffentlichkeit weiß also, was sie von Süchtigen zu meinen hat. Um vieles schlechter ist da so mancher Psychiater dran. Rein privatim findet er diese räudigen Brüder ja auch höchst degoutant und dankt dem Herrgott, daß er nicht so ist wie jene. Aber Dienst ist Dienst. Säufer und Giftler heißen heute nun einmal Alkoholiker und Drogenabhängige und sind als Kranke zu betrachten. Das hat der Prof. Jellinek g’sagt, das hat der Prof. Hoff g’sagt, und die Weltgesundheitsorganisation sagt’s auch …
Daher sagen halt auch wir statt „Heil- und Pflegeanstalt“ nunmehr „Psychiatrisches Krankenhaus“, bilden in zehnmonatigen Kursen nicht mehr „Wärter“, sondern „Krankenpfleger“ aus und nennen die Insassen der Anstalt „Patienten“. Das freut sie, und uns tut’s nicht weh. Denn ansonsten bleibt sowieso alles, wie es war. Die räudigen Brüder erwartet heute in „Steinhof“ dasselbe wie vor zwanzig Jahren.
Und so sieht das aus
Vom Amtsarzt mit „parere“ eingeliefert, genießt der „Zugang“ (eine treffende Bezeichnung: Auch die Neuankömmlinge in unseren Strafanstalten werden so genannt) einen im Rechtsstaat für einen Kranken einmaligen Status. Er ist mit einem Schlag, ohne gerichtliche Verurteilung, gleich einige Grundrechte losgeworden.
So gibt es z. B. kein wie immer geartetes Rechtsmittel gegen das amtsärztliche Verdikt. Einspruch, Berufung, Rechtsbeistand? Doch nicht für einen Geisteskranken! Offizielle Begründung: Gefahr im Verzug. Inoffizielle Begründung: Ein Amtsarzt irrt nie. Sein Bescheid, den er dem Rauschigen gestoßen hat, kann daher nur durch den Stadthauptmann oder den zuständigen ärztlichen Abteilungsleiter aufgehoben werden.
Weiters kann sich der räudige Bruder gleich noch ein verfassungsmäßig garantiertes Grundrecht an den Hut stecken: dasjenige auf freie Arztwahl. Wie, er ist sowieso bei dem Arzt seines Vertrauens in Behandlung? Er ist vielleicht sogar ambulanter Patient des musterhaft geführten Genesungsheims Kalksburg? Und er verlangt die gewohnte medizinische Betreuung? Aber bitte, kann er haben! Allerdings draußen – herinnen muß er schon runterschlucken, was auf den Tisch kommt.
Und dann soll er auch gleich das Verfügungsrecht über sein Eigentum vergessen. Dieses Recht üben für die Dauer seines Aufenthalts in diesem „Krankenhaus“ die Pfleger für ihn aus. Begründung? Dreimal darf er raten: die Gefahr natürlich. Drum wird ihm bei seiner Einlieferung alles abgeknöpft, was er bei sich hat: eigene Leibwäsche, Pyjama, Schlafrock, Pantoffeln, Geld, elektrischer Rasierapparat, Toilettegegenstände – all diese gefährlichen Sachen kommen vorerst einmal ins Depot. Wenn er Glück hat, trifft er in den nächsten Tagen auf einen gutgelaunten Pfleger, der ihm dies oder das aushändigen läßt. Hat er keins – na ja, er wird auch ohne auskommen. Denn darüber, was ein Mensch braucht und was er nicht braucht, herrschen in Steinhof die erstaunlichsten Ansichten.
So wurde einem Mann, der bat, seine Zahnbürste von zu Hause telefonisch anfordern zu dürfen, von einem Arzt (!) die sphingische Antwort zuteil: „Bei uns brauchen S’ ka Zahnbürstl …“ (Pavillon 8, 7. November 1977). Gefährlich? Gefährlich!
So gefährlich wie das Briefgeheimnis. Darum müssen Briefe von den Insassen unverschlossen dem Pfleger zur Weiterbeförderung übergeben werden. Und telefonieren? Nur mit Bewilligung des Arztes. Ist keiner da oder ist er da und will er nicht: Ja, dann gehen eben wichtige berufliche Angelegenheiten in die Hosen, dann muß halt der Dackel zu Hause verdursten und das elektrische Heizgerät so lange heizen, bis die Wohnung in Flammen aufgeht. Mit Bewilligung des Arztes …
In Steinhof wittert man eben unentwegt Gefahr. Vieles, was in richtigen Krankenhäusern eine Selbstverständlichkeit ist, ist hier tabu. Denn für den reibungslosen Betrieb auf dem „Lemoniberg“ ist das Irrenhaussystem allemal noch das beste.
Kann ein Mensch seine Würde versaufen?
Ja. Im Vollrausch wird jeder würdelos. Doch wenn er wieder nüchtern ist? Wenn der verdammte Fusel, das dreimal verdammte Gift seine Wirkung verloren hat? Ist er da in all seiner Reue, mit all seinen Selbstvorwürfen nicht wieder als Mensch zu respektieren?
Wenn die Antwort in Steinhof überhaupt „ja“ ist, so ist dies ein sehr gedehntes Ja. Und diese Antwort verliert vollends ihre Glaubwürdigkeit durch die Behandlung, die dem Eingelieferten zuteil wird, durch die Mißhandlung, die seine Würde erfährt.
Es muß nämlich einer schon ein wahrhaft königliches Selbstgefühl aufweisen, um würdevoll zu bleiben, wenn er pudelnackt vor dem Pfleger im Aufnahmepavillon 7 steht und zusehen darf, wie seine Kleider in einen schwarzen Plastiksack gestopft werden. Unterwäsche, Schuhe, drüber das Hemd, die Socken, Hose, Sakko: Der arme Pfleger muß die Sachen schon ordentlich zusammenpressen, wenn er sie alle in dem Sack unterbringen will. Der Eingelieferte aber wird das Gefühl nicht los, in Lumpen angekommen zu sein. Denn wären es Kleider, man würde sie wohl anders behandeln.
Die Anstaltskleider, die man ihm reicht, bringen ihn aber gleich auf andere, allerdings kaum erfreulichere Gedanken: oftmals geflickte, verschiedenfarbige Socken, die sich stets um die Knöchel ringeln, weil sie keinen Gummizug haben. Hemd, Hose und Mantel: meist voll ekliger Flecken dunkler Herkunft und alles muffig und verdrückt, zu groß oder zu klein. Pantoffeln aus hauseigener Produktion – Fetzenpatschen hat man so was früher genannt –, getränkt vom Ruch derer, die vorher damit einherschlürften.
Solcherart adjustiert, läßt einem der Gedanke an die eigene saubere, gutsitzende Wäsche ein trockenes Würgen im Hals aufsteigen. Und spätestens nach dem dritten Stolpern in den zerfledderten Pantoffeln könnte man heulen vor Sehnsucht nach der eigenen Fußbekleidung.
Doch der räudige Bruder soll froh sein, nicht in Socken einhergehen zu müssen, was dem Autor einmal zwei Tage lang widerfahren war. Damals gab es halt auf Pavillon 7 keine Pantoffeln für ihn, hatten die Pfleger achselzuckend festgestellt. Somit gab es aber für diese Zeit auch kein Klosett für ihn. Denn in Socken den urin- und kotbeschmutzten Boden dieses ,,Sanitär“raums zu betreten brachte der Berichterstatter nicht übers Herz. Eine Urinflasche, die er sich selbst säuberte, wurde ihm damals zur Rettung.
Und der Kleinkrieg gegen die Selbstachtung des räudigen Bruders geht munter weiter. Die Oberärztin von Pavillon 7 macht Visite. Die Diagnosemethode, die sie bei Süchtigen anwendet, war niemals noch eine andere als: Augen schließen, Hände vorstrecken, Zunge zeigen! Auch die Therapie ist immer die gleiche: Mineralwasser trinken. Wenn eins da ist. Wenn nicht – ohne geht’s auch.
Steigt nun vielleicht in dem Frischgefangenen kalte Wut auf oder verfällt er in schwärzeste Melancholie, dann trösten ihn die erfahrenen Patres, Prioren und Äbte der Brüderschaft, welcher man ihn beigetreten hat: „Da kannst halt nix machen, da herin bist im Arsch.“ Sie klären Neulinge auf: „Wannst ein einziges Mal mit ‚parere‘ eingeliefert worden bist, stehst lebenslänglich in der Geisteskrankenkartei. Des kannst nie mehr löschen lassen. Bestimmte Berufe bleiben dir für immer versperrt. Hast an Führerschein? Ja? Na, der ist vorläufig einmal a im Eimer …“
Der Neuling kann das alles nicht glauben. Er kann nicht glauben, daß es heilsam für ihn ist, wenn er in seinen traurigen Fetzen, ohne Beschäftigung, ohne Lesestoff, ohne Möglichkeit, die Zeit sinnvoll zu vertreiben, unter Schwachsinnigen, Paranoikern und Schizophrenen sitzen muß. Er kann nicht glauben, daß er für seinen Leichtsinn im Umgang mit Rauschmitteln so hart bestraft wird – ohne Urteil, ohne Verhör. Er kann nicht glauben, daß es hier auf Pavillon 7 diplomierte Pfleger in höheren Positionen gibt, die im Brustton der Überzeugung sagen können: „Alkoholismus ist keine Krankheit!“
Er sollte seinen Glauben stählen. Seine Verlegung auf Pavillon 8 steht bevor. Und damit eine bunte Fülle neuer unglaublicher Erlebnisse.
Multimediashow „Steinhof live“
Pavillon 8, in erster Linie für Süchtige und Selbstmordgefährdete gedacht, liegt unmittelbar neben der Prosektur. Dort gehört er auch hin. Denn von den Fällen, die hier im sogenannten 1. Wachsaal liegen, verlassen die wenigsten ihr Bett auf eigenen Füßen. Pro Woche kommen hier durchschnittlich zwei Menschen ad exitum (dies ist eine sehr vorsichtige Schätzung).
Diese Todkranken sorgen im Verein mit den etwa 40 Opfern leichter bis mittelschwerer Psychosen, angeborenen oder erworbenen Schwachsinns für Kurzweil im langen, tristen Anstaltstag.
Sie stöhnen in Schmerzen und Todesnot. Sie schreien nach der Mutter. Sie wähnen sich in fahrenden Zügen, als Söhne Bundeskanzler Kreiskys oder Sendlinge Jehovas. Immer wieder legen sie sich in ihrer hilflosen Verwirrtheit in fremde Betten, lassen dort oftmals ihre Exkremente zurück. Allgegenwärtig der schwere Fäulnisgeruch, den die Schwerkranken ausströmen. Fliegen, Spinnen, ja sogar Schaben fühlen sich hier wie zu Hause.
Der äußere Rahmen ist des Gebotenen würdig. Überall abbröckelnder Verputz; der vor zwanzig Jahren vermutlich noch weiße Lack von Türen und Fenstern ist, wo er noch nicht abgegriffen ist, heute dezent senffarben … Die Multimediashow „Steinhof live“ wird 24 Stunden am Tag gespielt.
Das sogenannte „Bad“ ist ein Paradebeispiel für die Verhältnisse in diesem „Krankenhaus“: zwei Badewannen, von denen eine ständig gefüllt ist mit schmutzigen Leibschüsseln und Urinflaschen; zwei Klosetts, deren Spülwannen über und über von Spinnweben mit Vorkriegscharakter bedeckt sind. Klomuscheln und -brillen kotbespritzt. Wer sie säubern wollte, müßte dies mit der bloßen Hand tun, Klobesen gibt’s hier nicht. Am Fußboden liegen Zeitungsfetzen verstreut, sie ersetzen das Klopapier.
Ein beklemmendes Stilleben stellt der Beleuchtungskörper an der Decke dar: An ihm kleben die Leichen unzähliger Fliegen, Nachtfalter und anderer Insekten, die hier im Lauf der Jahre das Zeitliche gesegnet haben.
Mit allem Nachdruck wird hier behauptet: Das sogenannte „Bad“ auf Pavillon 8 ist der dreckigste Sanitärraum, der dem Autor jemals untergekommen ist.
Hier dürfen die Insassen einmal in der Woche ihrer umfassenden Reinigung nachkommen. Leintücher werden unter zwei Duschauslässen aufgebreitet, vier, fünf Stück Kernseife daraufgeworfen, und die etwa 30 Gehfähigen der drei Wachsäle werden hineingetrieben. Da drängen sie sich nun und versuchen ein paar Tropfen Wasser zu ergattern, um sich einseifen zu können. Haben sie das geschafft, wartet das zweite Problem auf sie: die Seife wieder loszuwerden. Weniger durchschlagskräftige Naturen geben vorzeitig auf: Sie trocknen ihre kaum benäßten Körper demonstrativ ab, um die Pfleger-Wachmannschaft zufriedenzustellen. Kaum sauberer, als sie gekommen sind, verlassen sie das „Bad“.
Es gehören schon starke Nerven dazu, dieses Badevergnügen – das rein optisch in fataler Weise an das Massenduschen in Konzentrationslagern erinnert – mitzumachen.
Besser als mit starken Nerven begegnet man allerdings dem ständigen Widersinn auf Pavillon 8 mit der Apathie, in die sich viele Insassen bald hüllen. So bereitet es einem weniger Kopfzerbrechen, warum zum Beispiel die Türen, die sich ursprünglich zwischen den drei 14-Mann-Sälen befunden hatten, ausgehängt wurden. Und man gerät nicht so leicht in Wut, wenn man die Antwort hört: Damit die Pfleger die Säle besser überblicken können. Herrgott, für wie dumm hält man uns hier eigentlich? Von Perspektive und toten Winkeln scheint man noch nichts gehört zu haben: Einen Dreck können sie durch die offenen Türen überblicken! Es geht ihnen auch gar nicht darum. Sie wollen sich bloß das Öffnen und Schließen der Türen ersparen!
Den im nüchternen Zustand relativ gesunden Säufern und Fixern, den Selbstmordgefährdeten aber zu ersparen, Nacht für Nacht die Angstausbrüche und Todeskämpfe der armen Teufel im 1. Wachsaal mitzuerleben, fällt niemandem ein.
Oh, daß doch einer käme, der verordnete: Jeder Arzt, jeder Pfleger, der hier Dienst tut, muß wöchentlich eine Nacht in einem versperrten Gitterbett des 1. Wachsaals verbringen!
Oder daß doch ein Kompetenter käme, der das Kapitel „Essen in Steinhof“ untersuchte: Nicht die erbärmliche Qualität, nicht die lächerlichen Quantitäten, die hier serviert werden, sollen zur Diskussion stehen. Allein die Technik der Nahrungsaufnahme sollte untersucht werden: Auf dem Bett sitzend, mit einem Löffel als einziges Werkzeug Knödel, Nudeln und Salatblätter zu sich nehmend – nein, so essen keine Patienten eines Krankenhauses! Es sind Insassen einer Verwahranstalt für menschliches Strandgut, die so fressen müssen.
Und bleibt uns vom Leibe mit eurer sattsam bekannten Begründung: Messer und Gabel sind gefährlich. Die Mineralwasserflaschen, die in den Sälen umherstehen, die sind nicht gefährlich? Ein wahres Massaker könnte einer damit anrichten, wenn er wollte!
Und die Trümmer des Tisches, die am 15. und 16. November 1977 auf dem Gangstück, in dem sich die nicht Bettlägrigen aufhalten dürfen, umherlagen? Der Autor hat vor Zeugen ein massives Tischbein und fünf 100er Nägel für eine Nacht an sich genommen und in seinem Bett versteckt. Keinem Arzt, keinem Pfleger ist dies aufgefallen. Wäre ich nicht Säufer, sondern geisteskranker Gewalttäter – das Blutbad, welches ich nächtlicherweise hätte anrichten können, ist unvorstellbar.
Dreißig Mann und fünf Sessel
Steinhofer Ungeist offenbart sich an einem weiteren Detail: dem „Aufenthaltsraum“ für die etwa 30 Nichtbettlägrigen. Es ist dies ein winkeliges Stück Korridor. Der kürzere Teil dieses Winkels ist etwa fünf Meter lang, der längere etwa sieben. Hier hat man einen Tisch und fünf Sessel aufgestellt. Vervollständigt wird das Inventar durch zwei verbeulte Blechnäpfe, in früherer Zeit das Eßgeschirr der Insassen. Sie dienen als Aschenbecher. Ansonsten nackte Wände, Zellentüren, vergitterte Fenster.
Hier dürfen also die Räudigen ihre Tage verbringen. 30 Mann dürfen sich die fünf Sessel teilen. Dürfen aus den vergitterten Fenstern starren, ein paar Schritte vor, ein paar zurück gehen. Auch hier: kein Lesestoff, keine Spiele, weder Radio noch Fernsehen. Der Autor hört die sarkastische Begründung für diesen Zustand: Die Insassen im Parterre haben eben in ihren Betten zu bleiben. Eine Infamie: Nüchterne Suchtkranke sind doch keine Krüppel! Sie haben unter Umständen leichte Entzugserscheinungen, zittern ein wenig, sind unruhig. Gerade deswegen aber können sie unmöglich tagelang im Bett liegen. Sie brauchen einen Tagraum.
Wegwerfende Handbewegung der Verantwortlichen: Wenn’s ihnen bessergeht, kommen sie sowieso in den Stock hinauf. Da haben sie dann Tagräume.
Die beiden Tagräume im Stock: ein Alptraum an Häßlichkeit. Die üblichen fleckigen, nackten Wände, ein paar ausrangierte Tische. Jeder Wartesaal eines Provinzbahnhofs ist dagegen ein Muster zeitgerechter Innenausstattung.
Und überhaupt der Stock. Hier müssen die Leute um fünf Uhr früh aus den Schlafsälen. Und um 17 Uhr werden sie wieder hineingetrieben. Die meisten bekommen Psychopharmaka, Tranquilizer. Schlafen nachts dennoch sehr schlecht. Am besten noch gegen Morgen. Aber da werden sie aus den Betten gewiesen.
Daher kommt es im Stock zu einer Erscheinung, bei deren erstem Anblick es einen normal empfindenden Menschen siedend heiß durchfährt: Viele stehen ihre Schläfrigkeit tagsüber nicht durch. So lassen sie sich einfach auf den schmutzigen Boden fallen. Und schlafen da. Man muß diese Gestalten einmal gesehen haben, wie sie in ihren häßlichen grauen Anzügen wie die Toten auf dem Gang liegen – dann erst kann man Steinhof zutreffend klassifizieren.
Andere unterliegen wieder infolge der Medikation einem starken Bewegungszwang. Da es hier – im Gegensatz zu Gefängnissen – keinen allgemeinen Spaziergang in frischer Luft gibt, flutet über den Gang im Stock eine endlose Prozession grauer, gebeugter, schlürfender Menschen: vor – zurück, vor – zurück. Stumm, triste, resigniert …
Steinhof, Pavillon 8: Säufer, Giftler, Selbstmordgefährdete, in muffige, schlecht gewaschene, erbärmliche Fetzen gekleidet; von früh bis spät sich selbst überlassen; immer und überall mit Schmutz und Gestank konfrontiert; von nahezu jeder neuzeitlichen Psychotherapie ausgeschlossen; ständig rational nicht faßbaren Maßnahmen ausgesetzt – wahrscheinlich halten die Verantwortlichen diesen Zustand für erforderlich. Wahrscheinlich sehen sie chronischen Alkohol- und Suchtgiftmißbrauch für strafwürdig an. Wahrscheinlich sind sie für den Schutz der Gesellschaft vor diesen räudigen Brüdern.
Gut. So kann man die Dinge auch sehen. Aber dann gebt es doch wenigstens zu, Himmelherrgottnocheinmal! Nennt euch nicht Ärzte, wo ihr doch Verwahrer seid! Nennt uns nicht Patienten! Nennt eure dreckigen, rückständigen Anstalten nicht Krankenhäuser! Verschont uns mit diesem Hohn, wenigstens damit.
Und nun: Klagt mich bitte wegen Verleumdung!
Meine persönlichen Daten sind der Redaktion bekannt. Ich stehe zu jedem Detail, das ich hier behaupte. Zu jedem Zitat, das ich gebrauchte. Erklärt doch, die Verhältnisse, die ich geschildert habe, seien nicht so! Und klagt mich wegen Verleumdung! Ehrlich: Das wäre das Anständigste, was ihr tun könntet. Tut es, bitte!
Doch vielleicht zieht ihr es vor, zu diffamieren anstatt zu argumentieren. Da will ich euch gleich den Wind aus den Segeln nehmen:
Ja, ich bin ein Säufer. Ich habe – freiwillig und unfreiwillig – bereits zehnmal die Ehre gehabt, Gast in eurem verrotteten Etablissement zu sein. Und ich schäme mich dafür kein bißchen, nicht vor euch: Denn ich habe für diese meine Krankheit schwer und ehrlich gelitten, ohne einem Außenstehenden auch nur den geringsten Schaden zuzufügen.
Ich habe der Gesellschaft in den 16 Jahren meines Berufslebens erheblichen Nutzen gebracht. Ich bin ihr nichts schuldig, sollte ich zugrunde gehen.
Schuldig seid nur ihr mir etwas: Nämlich die menschenwürdige Behandlung, die ihr mir so oft versagt habt. Ihr seid sie allen schuldig, die bis zum heutigen Tag in eure Hände gefallen sind.