Psychiatrie, die keine Angst macht

In die psychosozialen Stationen in Wiens Bezirken kommen die Patienten von selbst

Waltraud Jakob

„Es ist uns in den vergangenen Monaten gelungen, das Psychiatrische Krankenhaus der Stadt Wien von 2600 auf 1900 Patienten gesundzuschrumpfen.“ Chefarzt Dr. Stephan Rudas vom Kuratorium für Psychosoziale Dienste kann auf erste Erfolge der Psychiatriereform in Wien verweisen. Wo immer möglich, soll die Einweisung ins Psychiatrische Krankenhaus künftig durch ambulante Behandlung in den acht psychosozialen Stationen in den Wiener Bezirken ersetzt werden. Seit 1. d. gibt es im 2. Bezirk, Kleine Sperlgasse 2 B, auch einen psychosozialen Notdienst (Tel. 24 64 24), der in den Nachtstunden und am Wochenende aufgesucht oder angerufen werden kann.

Daß die Schwellenangst der Patienten vor den psychosozialen Stationen viel weniger groß ist als vor dem Psychiatrischen Krankenhaus, wurde in den vergangenen Monaten offenkundig: 4000 Patienten wurden im vergangenen Jahr in der psychosozialen Station in Floridsdorf in der Schöpfleuthnergasse 20 behandelt, 600 davon meldeten sich hier selbst. „Der Bedarf ist enorm“, weiß Rudas, „für heuer erwarten wir in Floridsdorf etwa 6000 Patienten, 10.000 würden uns nicht wundern, unsere Kapazität jedoch übersteigen.“

Ähnlich ist die Situation in den anderen psychosozialen Stationen, die zum Teil noch gar nicht voll in Betrieb sind. Erst drei der acht Dependancen sind voll ausgestattet, drei weitere werden es im Laufe des Sommers, eine im Herbst, eine wird noch einige Monate länger Provisorium bleiben. Pro Region – jede der acht Regionen umfaßt zwei oder drei Wiener Bezirke – ist ein Team von etwa 25 Personen (Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Beschäftigungstherapeuten u. a.) im Einsatz. Dabei wird auch versucht, möglichst stabile Kontakte zwischen den Betreuern und den Patienten aufzubauen. „Neben den psychosozialen Stationen haben wir auch andere Einrichtungen, wie etwa Übergangsheime,

die dem Patienten den Übergang vom Leben im Krankenhaus zum Leben daheim erleichtern sollen. Manche Sozialarbeiter sind nun beispielsweise halbtägig in einem Übergangsheim und am anderen halben Tag in der Station beschäftigt und können so die Beziehungen zum Patienten aufrechterhalten, wenn dieser wechselt.“

Jede psychosoziale Station umfaßt auch eine Tagesklinik mit jeweils etwa 20 Plätzen für Patienten, die einer intensiveren Beobachtung und Betreuung, jedoch keines vollstationären Aufenthaltes bedürfen. Rudas hofft, daß sich durch die neuen Einrichtungen Krankheiten schon im Anfangsstadium abfangen lassen. „Wenn ein Schizophrener merkt, daß ein neuer Schub kommt und er kommt gleich am Beginn zu uns, dauert die Behandlung möglicherweise nur ein paar Tage. Wenn er aber abwartet und schließlich ins Psychiatrische Krankenhaus eingewiesen werden muß, kann es passieren, daß er dort hängen bleibt.“

NOTDIENST FÜR DIE NACHTSTUNDEN UND WOCHENENDEN

Sofortige Hilfe für Menschen mit Problemen gibt es nun auch in den Nachtstunden und am Wochenende. Per 1. Juni wurde ein psychosozialer Notdienst (Telephon 24 64 24) eingerichtet, der sich im 2. Bezirk in

der Kleinen Sperlgasse 2 B befindet. Hier ist stets auch ein Psychiater anwesend. Patienten, die persönlich hierherkommen, werden anonym und gratis behandelt Nicht nur, daß sich Menschen mit psychischen Problemen hier auch telephonisch anonym aussprechen können, im Bedarfsfall werden auch, wenn es der Patient erwünscht, Hausbesuche gemacht.

„Bassaglia auf wienerisch“, faßt Rudas das neue Psychiatriekonzept zusammen, bezugnehmend auf den italienischen Psychiater, der mittels offener Klinik große therapeutische Erfolge erzielte. Ziel der Wiener Psychiater: Maximal 1600 Patienten im Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe, intensive Betreuung aller ambulant Behandelbaren in den psychosozialen Stationen. Hier hofft man auch dem Bedarf besser gerecht werden zu können. Denn, so Rudas: „Jeder siebente Wiener wird irgendwann im Lauf seines Lebens mit einer psychiatrischen Erkrankung fertig werden müssen.“