Frankfurter Allgemeine
6. Mai 1981
Psychiatriereform in einem Beamtenstaat
In Wien wird die psychiatrische Versorgung neu organisiert
Karin Obholzer
Frankfurter Allgemeine
6. Mai 1981
WIEN, 5. Mai. „Was wir machen, ist nicht neu. Es gibt keinen einzigen Gedanken, der nicht schon einmal ausgesprochen wurde.
Ungewöhnlich ist nur, daß wir die auch in anderen Städten diskutierte Psychiatriereform in die Praxis umsetzen.“ So charakterisiert der mit der Reform beauftragte Arzt Dr. Stephan Rudas die Um- und Neuorganisation der rückständigen psychiatrischen Versorgung der Wiener Bevölkerung. Mit beachtlichem finanziellen und personellen Aufwand soll nun Abhilfe geschaffen werden.
Das Wiener Problem besteht hauptsächlich darin, daß zwei Großkrankenhäuser existieren: das Psychiatrische Krankenhaus Baumgartner Höhe am Stadtrand und das rund hundert Kilometer entfernte Psychiatrische Krankenhaus in Ybbs an der Donau. Bisher war es so, daß Langzeitpatienten, für die man auf der Baumgartner Höhe keinen Platz mehr hatte, nach Ybbs gebracht wurden. Die nach langen Krankenhausaufenthalten ohnehin schwierige Wiedereingliederung in den gewohnten Lebensrahmen wurde für sie dadurch so gut wie unmöglich.
Radikale Forderungen nach Auflösung der Großkrankenhäuser nach dem Muster der kommunistischen Psychiatergruppe um Franco Basaglia in Italien, wie sie etwa in der Bundesrepublik bisweilen erhoben werden, entsprechen nicht der österreichischen Mentalität. Die „Reform von oben“ – wenn es wie in Wien zu Beginn der siebziger Jahre zu Protesten kommt – ist dem Wesen und Selbstverständnis der Wiener und der Regierenden eher gemäß; die Strukturen und Traditionen des Beamtenstaates scheinen in der sozialistischen Stadtregierung fest verwurzelt.
Kurz nach seinem Amtsantritt 1975 legte der Gesundheilsstadtrat, Professor Alois Stacher, einen Spitalsplan für sämtliche Sparten der medizinischen Versorgung vor. Die in diesem Plan nur in Ansätzen vorhandene Psychiatriereform entwickelte bald eine Eigendynamik. Zwei Jahre später, im Mai 1977, fand eine Enquete statt, auf der die überfällige Reform ausführlich diskutiert wurde. Der Stadtrat beauftragte den Exilungarn Stephan Rudas mit der Koordination. In der Folge entstand ein Zielplan der Neuorientierung; er wurde im April 1979 von allen Parteien einstimmig beschlossen. Seit Anfang 1980 ist der sechsunddreißigjährige Rudas Chefarzt eines eigenen Kuratoriums, das in den kommenden Jahren die Reform realisieren soll. Die bewilligten Mittel sind für die 1,6 Millionen Einwohner zählende österreichische Hauptstadt und die jahrzehntelange vernachlässigte Psychiatrie beträchtlich: Sie betragen für das laufende Jahr 1981 zehn Millionen Mark.
Worin besteht nun die Reform? Wien wurde in acht sogenannte psychosoziale Regionen mit jeweils hundertfünfzig- bis zweihundertfünfzigtausend Einwohnern eingeteilt. Jede dieser Regionen soll eine gemeindenahe psychiatrische Versorgung erhalten: Beratungsstellen mit ambulanter Betreuung durch Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter sowie Tageskliniken, Übergangsheime, in denen Patienten in Wohngemeinschaften zusammenleben, oder auch Gemeinschaftswohnungen, in denen jene Patienten untergebracht werden sollen, die nur noch geringfügiger Versorgung bedürfen. Geschützte Werkstätten für geistig und psychisch Behinderte sollen ebenfalls geschaffen werden. Sonderprojekte werden nach den Bedürfnissen der jeweiligen Region ausgerichtet: Hier ist besonders an Hilfsmaßnahmen für alte Menschen gedacht. In manchen Wiener Bezirken sind mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung älter als fünfundsechzig Jahre.
Das psychiatrische Großkrankenhaus Baumgartner Höhe mit seinen zweitausendsiebenhundert Betten ist eines der größten seiner Art in Europa, eine imposante Jugendstilanlage mit einer berühmten Kirche Otto Wagners. Der Großteil der sechsundzwanzig im englischen Park verstreuten Pavillons soll nun einer der acht Regionen als psychiatrische Abteilung zugeordnet werden.
„Es wird immer Menschen geben, die im Krankenhaus sein müssen“, sagt Stephan Rudas; für diese Patienten solle durch eine erhebliche Verringerung der Bettenzahl ein erträglicherer Aufenthalt als bisher gewährleistet sein. „Die Humanisierung im Krankenhaus hängt von der Zahl der Patienten ab, die Rahmenbedingungen bestimmen die Menschlichkeit“, lautet eine der Thesen Rudas! Und so wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich der Behandlungsstil im Großkrankenhaus tatsächlich ändern wird.
Die einzelnen Abteilungen, so ist es weiter vorgesehen, sollen mit vielfältigen Therapiemöglichkelten bestückt werden, in geschlossenen Einheiten sollen nur solche Patienten behandelt werden, die sich und andere gefährden könnten.
Die Abteilung für geistig abnorme Rechtsbrecher, in einem abseits gelegenen Pavillon des Areals untergebracht, bleibt vorerst von der Reform ausgeschlossen. Ein Institut für Alkoholkranke – Alkohol ist in Wien ein größeres Problem als Drogenabhängigkeit –, eines für Drogenkranke und ein Behindertenzentrum runden die Pläne der Reformer ab. Die geistig behinderten Kinder bilden offensichtlich den „Bodensatz“ der Reform, denn sie müssen im Großkrankenhaus bleiben, während die Kinder- und Jugendpsychiatrie aus dem Krankenhaus ausgegliedert und in einem gewöhnlichen Krankenhaus untergebracht werden soll. Im übrigen ist geplant, auch an den Allgemeinkrankenhäusern psychiatrische Abteilungen einzurichten.
Für das zweite Wiener Großkrankenhaus in Ybbs liegen noch keine genauen Pläne zur Neugestaltung vor. Für am vordringlichsten hält Rudas dort die Verringerung der Zahl der Patienten. Sie ist jetzt schon von zwölfhundertfünfzig auf neunhundert geschrumpft,, weil niemand mehr von Wien nach Ybbs überwiesen wurde.
„Wir müssen noch weiter reduzieren“, wird gesagt. „Ideal wäre eine Patientenzahl von sechs-, höchstens siebenhundert Personen. Aber das wird längere Zeit in Anspruch nehmen, da wir die in Ybbs untergebrachten Langzeitpatienten ja nicht einfach entlassen können.“
Es gab in Wien in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen, die das Los der psychisch Kranken erleichtern wollten. Sie alle sollen jetzt in die Reform eingebunden werden, „denn“, meint Rudas, „solche Einzelinitiativen ziehen Mittel und Mitarbeiter ab und kommen dem Gros der Patienten meist nicht zugute. Das gilt noch mehr für die sogenannten Parademodelle, die dann bei Bedarf vorgezeigt werden, die aber an der Gesamtsituation nichts ändern.“
Schwierigkeiten gibt es derzeit noch mit den Krankenkassen, die nur mit Mühe den Sinn der neu entstandenen Behandlungsformen begreifen. Sorgen macht auch eine seit Jahren als unmittelbar bevorstehend angekündigte Gesetzesreform. „Unsere Arbeit“, sagt Stephan Rudas, „wird schon jetzt vom geltenden Gesetz behindert.“ Die Tatsache, daß psychisch Kranke auch außerhalb der Mauern der Großkrankenhäuser alten Stils versorgt werden sollen, verlangt Umdenken von Politikern, Beamten, aber auch von der Bevölkerung.