Arbeiter Zeitung
7./8. April 1984
Weniger Zwangseinweisungen
Wiener Psychiatriereform: Lob aus dem Ausland
Arbeiter Zeitung
7./8. April 1984
WIEN (AZ). 1982 waren aus der Entgiftungszentrale des Wilhelminenspitals noch 600 verhinderte Selbstmordkandidaten zwangsweise ins psychiatrische Krankenhaus gebracht worden, 1983 waren es nur noch 25 – ein in Zahlen greifbarer Erfolg der Psychiatriereform, die international Bewunderung findet.
„Eine Novellierung der Bundesgesetze zur Regelung der Zwangseinweisung in psychiatrische Krankenhäuser ist überfällig, ein Entwurf liegt bereits im Parlament“, formulierte Gesundheitsstadtrat Stacher Freitag ein vorrangiges Ziel der Psychiatriereform anläßlich einer Enquete im Rathaus. Chefarzt Dr. Rudas will in einer solchen Novellierung auch einen Rechtsanspruch auf psychiatrische Versorgung verankert wissen. Die Zahl zwangsweiser Einweisungen soll als weiteres Ziel der Reformarbeit weiter gesenkt werden.
Wie das möglich ist, zeigt das Beispiel der Entgiftungszentrale im Wilhelminenspital: Hieher kommen zwei Drittel der geretteten Selbstmordkandidaten, bis 1982 wurden sie zwangsweise ans psychiatrische Krankenhaus weitergegeben. Inzwischen wurde eine Verbindung zum psychosozialen Dienst, der im Zuge der Reform die Betreuung und Therapie psychisch Kranker außerhalb des Krankenhauses übernommen hat, geknüpft, und die Zahl der Zwangseinweisungen ist auf 25 gesunken.
Gesunken ist – ebenfalls dank dieser ambulanten Einrichtungen – auch die Zahl der Patienten im Krankenhaus Baumgartner Höhe, von rund 2600 auf 1600. Stacher: „Für viele war ein ständiger Krankenhausaufenthalt einfach nicht notwendig, sie werden nun in Wohngemeinschaften, geschützten Werkstätten oder Ambulanzen betreut.“
Lob und Anerkennung findet die Wiener Reform vor allem im Ausland. Professor Ciompi, Leiter der sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern: „Nirgends gibt es eine so umfassende, so radikale Reform; das ist schon sehr beeindruckend.“